Warum ESG Daten über Kredite entscheiden – Einblicke aus der Bankperspektive

ESG-Daten gewinnen spürbar an Bedeutung – auch für Unternehmen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft, die nicht unter die CSRD fallen.

In unserer Arbeit im KompetenzTeam Nachhaltigkeit der Solidaris erleben wir, dass Banken für fundierte Kreditentscheidungen heute deutlich mehr Transparenz benötigen: etwa zu Energieverbräuchen, Emissionsprofilen, Gebäudestrukturen und geplanten Transformations-schritten.

Gleichzeitig stehen viele Unternehmen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft vor der Herausforderung, Nachhaltigkeitsmaßnahmen wirtschaftlich darzustellen und langfristig zu finanzieren. Der Austausch mit Finanzinstituten wird damit zunehmend zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.

Um die Perspektive der Banken besser einzuordnen, haben wir mit Meike Lerner, Nachhaltigkeitsmanagerin der Bank im Bistum Essen, gesprochen.

Im folgenden Q&A erläutert sie, warum ESG-Daten künftig eine zentrale Rolle in der Kreditvergabe spielen und wie freiwillige Berichtsstandards dazu beitragen können, Finanzierungsspielräume zu sichern und Entwicklungen sichtbar zu machen.


Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie für Banken im Umfeld der Gesundheits- und Sozialwirtschaft beim Thema Nachhaltigkeit?

Gesundheits- und Sozialeinrichtungen erfüllen einen essenziellen Versorgungsauftrag und schaffen damit erheblichen sozialen Mehrwert. Gleichzeitig zählen viele Einrichtungen aufgrund ihres hohen Energiebedarfs, komplexer Infrastrukturen und teilweise veralteter Gebäudestrukturen zu den CO₂-intensiveren Akteuren. Hinzu kommen begrenzte Möglichkeiten zur Kreislaufwirtschaft sowie komplexe und oft schwer steuerbare Lieferketten.

Ein zweites, aus Bankensicht besonders relevantes Problem liegt in den strukturell eingeschränkten Refinanzierungsmöglichkeiten: Viele notwendige Investitionen – etwa in Energieeffizienz, Gebäudesanierung oder nachhaltige Prozesse – lassen sich im bestehenden Finanzierungssystem nicht oder nur sehr eingeschränkt abbilden. Sie sind ökologisch sinnvoll und perspektivisch regulatorisch erforderlich, amortisieren sich jedoch betriebswirtschaftlich häufig nicht.

Für Banken bedeutet das, dass Nachhaltigkeit in diesem Sektor nicht eindimensional, also rein ökologisch, bewertet werden sollte. Regulatorisch sind wir jedoch genau dazu verpflichtet. Sowohl die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) als auch aktuelle Änderungen im Kreditwesengesetz verlangen die Berücksichtigung physischer und transitorischer Risiken im Kreditprozess – unabhängig davon, ob ein Unternehmen bereits einen hohen sozialen Beitrag leistet.
 

Themenblock 1: Rolle der Banken
 

Warum ist die ESG-Berichterstattung für Banken heute ein entscheidender Faktor bei der Kreditvergabe – auch für nicht berichtspflichtige Unternehmen? Welche Risiken entstehen, wenn Daten fehlen?

Die ESG-Berichterstattung ist eine zentrale Voraussetzung, um regulatorische Anforderungen an die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in den Kreditprozess überhaupt erfüllen zu können. Banken sind darauf angewiesen, die entsprechenden Daten ihrer Kunden zu erhalten, um beispielsweise Ausfallrisiken infolge physischer oder transitorischer Entwicklungen realistisch bewerten zu können.

Transitorische Risiken entstehen etwa durch steigende CO₂-Preise, die zu erheblichen Kostensteigerungen und sinkenden Betriebsergebnissen führen können. Gerade in wirtschaftlich angespannten Situationen kann dies zu strukturellen Schieflagen führen. Physische Risiken umfassen insbesondere Extremwetterereignisse, die beispielsweise Immobilien – und damit Sicherheiten – substanziell im Wert beeinträchtigen können.

Fehlen die notwendigen Informationen, lassen sich diese Risiken nicht adäquat quantifizieren. In der Folge können Eigenkapitalanforderungen und damit auch Kreditkonditionen nicht belastbar bestimmt werden. Vor dem Hintergrund langfristiger Finanzierungen stellt dies ein erhebliches Problem dar.

Derzeit greifen Banken vielfach auf Branchendurchschnittswerte zurück. Perspektivisch wird jedoch eine deutliche Verbesserung der Datenqualität erforderlich sein. Dafür sind wir auf belastbare Primärdaten unserer Kunden angewiesen. Eine freiwillige ESG-Berichterstattung erleichtert diesen Prozess erheblich – sowohl für die Institute als auch für die Unternehmen selbst.
 

Welche regulatorischen Vorgaben wie CSRD oder EU-Taxonomie beeinflussen Ihre Risikobewertung konkret?

CSRD und EU-Taxonomie schaffen in erster Linie eine deutlich verbesserte Datenbasis. Für Banken bedeutet das mehr Transparenz über nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten, Transformationspfade, Emissionsprofile und soziale Risiken – also genau jene Faktoren, die für die langfristige Kreditqualität maßgeblich sind.

Gleichzeitig ist festzuhalten: Die Notwendigkeit zur Berücksichtigung dieser Informationen ergibt sich nicht primär aus CSRD oder Taxonomie selbst, sondern aus bankaufsichtlichen Anforderungen.

Die MaRisk fordern bereits seit mehreren Jahren die Integration von ESG-Risiken als Querschnittsrisiko in den Kreditprozess. Ein sichtbares Ergebnis sind beispielsweise die ESG-Fragebögen, die Banken zur Datenerhebung einsetzen.

Für größere Institute gilt seit Januar 2025 auch eine Richtlinie der Europäischen bankenaufsicht (EBA Guidline on the management of ESG risks), welche unter anderem die Erstellung eines Transformationsplans fordert.

Mit der jüngsten Anpassung des Kreditwesengesetzes wird diese Logik nun auch auf kleinere Institute ausgeweitet. § 26 KWG verpflichtet Banken zur langfristigen Analyse und Steuerung von ESG-Risiken im Rahmen eines ESG-Risikoplans. Ziel ist es, ESG-Risiken deutlich stärker in die Gesamtbanksteuerung zu integrieren.

Dafür ist ein Übergang von einer primär qualitativen hin zu einer quantitativen Betrachtung erforderlich. Risiken müssen messbar sein, um sie wirksam steuern und reduzieren zu können.

Themenblock 2: Erwartungen an Unternehmen
 

Welche ESG-Aspekte sind bei Krankenhäusern besonders ausschlaggebend – und warum sollten Unternehmen diese Daten freiwillig bereitstellen?

Auf ökologischer Ebene stehen insbesondere Energieverbrauch, Gebäudezustand und Transformationsfähigkeit im Fokus. Genau hier zeigt sich jedoch das zentrale Dilemma: Die größten Hebel liegen in Investitionen, die sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen betriebswirtschaftlich nur eingeschränkt darstellen lassen.

Dennoch ist es für Unternehmen entscheidend, diese Informationen bereitzustellen. Sie ermöglichen es, die eigene Situation differenziert darzustellen und einzuordnen.

Im Finanzierungskontext geht es nicht nur darum, Risiken offenzulegen, sondern auch darum zu zeigen, welche Maßnahmen geplant sind und wo strukturelle Grenzen bestehen. Transparenz schafft hier Vertrauen und eröffnet Spielräume für differenzierte und sachgerechte Kreditentscheidungen.
 

Welche Bedeutung haben freiwillige Standards wie VSME?

Freiwillige Standards wie der VSME stellen einen pragmatischen Ansatz dar, um das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung handhabbar zu machen.

Sie ermöglichen es kleineren und nicht berichtspflichtigen Unternehmen, mit überschaubarem Aufwand eine strukturierte ESG-Datenbasis aufzubauen und gleichzeitig eine gemeinsame Sprache mit Finanzinstituten zu entwickeln.

Bereits die Entscheidung für eine freiwillige Berichterstattung signalisiert, dass sich ein Unternehmen aktiv mit seiner Nachhaltigkeitsleistung auseinandersetzt und an Lösungen arbeitet. Das ist ein wichtiger erster Schritt und wird auch im Finanzierungskontext entsprechend wahrgenommen.

Themenblock 3: Zukunft und Chance
 

Wird ESG-Berichterstattung künftig ein entscheidender Faktor für die Finanzierung?

Nachhaltigkeitsberichterstattung ist kein Selbstzweck. Im Idealfall bildet sie das ab, was eine Einrichtung tatsächlich umsetzt – also Problembewusstsein, Transformationswillen und konkrete Maßnahmen.

Wäre das Gesundheitswesen ein Land, wäre es der fünftgrößte Emittent weltweit. Fatal wäre eine „Daran-können-wir-nichts-ändern“ Haltung. Stattdessen sollten Einrichtungen ihre Optionen prüfen, mögliche Änderungen auf den Weg bringen – und den Wandel auch als Chance begreifen.

Vergessen wir nicht: Das Gesundheitswesen ist nicht nur größter Emittent, sondern auch einer der größten Betroffenen. Denn Hitzeperioden und Extremwetter werden die vorhandenen Strukturen an Kapazitätsgrenzen bringen. 

ESG-Berichterstattung wird damit zu einem wichtigen Instrument, um den Status-quo und die individuellen Fortschritte abzubilden. In dieser Funktion wird der Bericht ein Faktor für die Bepreisung von Kapital sein.
 

Wie wird sich die Zusammenarbeit zwischen Banken und Unternehmen verändern?

Die Banken stehen vor der Aufgabe, ihre Rolle neu zu definieren. Die Steuerung der ökologischen Transformation über den Kapitalmarkt führt dazu, dass wir zunehmend Daten von unseren Kunden benötigen, während gleichzeitig regulatorisch versucht wird, Berichtspflichten zu reduzieren.

Es entsteht eine gewisse Spannung: Einerseits werden Anforderungen formal zurückgeführt, andererseits bleiben die zugrunde liegenden Risiken bestehen. Der Klimawandel und seine wirtschaftlichen Auswirkungen verschwinden nicht durch regulatorische Vereinfachungen.

Für Banken bedeutet das, stärker in den Dialog zu gehen. Es geht darum, Wissen zu vermitteln, Orientierung zu geben und gemeinsam mit den Kunden praktikable Lösungswege zu entwickeln.

Gleichzeitig ist es wichtig, die soziale Nachhaltigkeit stärker in den Fokus zu rücken. Es muss deutlich werden, dass wir auf eine Situation zusteuern, in der ein zentraler gesellschaftlicher Auftrag zu einem finanziellen Risiko werden kann, wenn notwendige Investitionen nicht refinanzierbar sind.

Abschlussfragen
 

Welchen Rat geben Sie nicht berichtspflichtigen Unternehmen?

Stecken Sie nicht den Kopf in den Sand. Auch, wenn die großen Themen mangels Finanzierungsmöglichkeit aktuell nicht wirklich angegangen werden können, gibt es zahlreiche Maßnahmen, die sich positiv auswirken. Angefangen bei der Überprüfung und Neujustierung vorhandener Technik und Verträge bis hin zur Umstellung der Ernährung.

Und machen Sie sich auf den Weg. Sie werden überrascht sein, wie nachhaltig Sie schon sind. Trauen Sie sich an die freiwillige Berichterstattung. Und vergessen Sie nicht: Dabei geht es nicht darum, aus dem Stand heraus perfekt zu sein, sondern darum, eine Bestandsaufnahme zu machen und den eigenen Fortschritt zu dokumentieren.
 

Was war Ihr spannendstes ESG-Projekt?

Aktuell ist für uns besonders spannend die Frage, wie wir selbst mit der Nachhaltigkeits-berichterstattung umgehen, nachdem wir nicht mehr unter die CSRD-Berichts-pflicht fallen.

Für uns steht außer Frage, weiterhin mindestens nach dem VSME-Plus-Standard zu berichten und diesen gegebenenfalls um zusätzliche Kennzahlen zu erweitern. Dazu zählen insbesondere die finanzierten Emissionen, also jene Emissionen, die aus unserer Kreditvergabe und unseren Eigenanlagen resultieren.

Diese machen mehr als 99 Prozent unserer gesamten Emissionen aus und stellen damit den zentralen Hebel dar.

Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, diese Emissionen zu reduzieren, obwohl wir nur indirekten Einfluss haben. Entscheidend wird hier die enge und konstruktive Zusammenarbeit mit unseren Kunden sein.

Abschlussstatement – Prof. Dr. Marcus Sidki

Die vorliegenden Ausführungen verdeutlichen, dass ESG-Daten im Kontext der Gesundheits- und Sozialwirtschaft eine neue Qualität erreichen. Sie entwickeln sich von primär berichtsbezogenen Anforderungen hin zu einer zentralen Entscheidungsgrundlage für die Sicherstellung der Unternehmensfinanzierung. Insbesondere aus Bankensicht wird deutlich, dass Nachhaltigkeitsinformationen nicht mehr optional, sondern konstitutiv für eine risikoadäquate Kreditvergabe sind. Dies gilt selbstverständlich auch für Einrichtungen, die nach den aktuellen Regelungen nicht mehr der Nachhaltigkeitsberichtpflicht unterliegen.

Aus wissenschaftlicher Perspektive lässt sich diese Entwicklung in einen übergeordneten Transformationsprozess einordnen. Nachhaltigkeitsdaten fungieren entlang einer Wertschöpfungskette, die von der Dartenerhebung über die Indikatorenbildung bis hin zur Integration in Steuerungs- und Entscheidungsprozesse als zentrales Bindeglied zwischen regulatorischen Anforderungen, unternehmerischer Praxis und finanzwirtschaftlicher Bewertung reichen. In diesem Sinne entsteht ein datengetriebenes Steuerungsparadigma, das sowohl interne Managementprozesse als auch externe Interaktionen mit wichtigen Stakeholdern wie den Kapitalgebern strukturiert.

Gerade im Gesundheitswesen tritt hierbei ein Spannungsfeld zutage. Einerseits besteht ein hoher Transformationsbedarf, insbesondere im Bereich energieintensiver Infrastrukturen und komplexer Lieferketten. Andererseits sind die

Refinanzierungsmöglichkeiten für entsprechende Investitionen häufig begrenzt. ESG-Daten übernehmen in diesem Kontext eine doppelte Funktion, denn sie dienen nicht nur der Offenlegung von Risiken, sondern ermöglichen es auch, Transformationspfade, Zielkonflikte und wirtschaftliche Restriktionen transparent darzustellen. Damit schaffen sie die Grundlage für eine differenzierte Risikobewertung und eröffnen potenziell neue Finanzierungsspielräume.

Für die Anwendungspraxis ergibt sich daraus eine klare Implikation: Der Aufbau eines systematischen ESG-Datenmanagements ist nicht primär als Reaktion auf regulatorische Berichtspflichten – oder deren Wegfall – zu verstehen, sondern vielmehr als strategische Investition in die eigene Steuerungs- und Finanzierungsfähigkeit. Einrichtungen, die frühzeitig belastbare Datenstrukturen und ein angemessenes ESG-Datenmanagement etablieren, erhöhen damit ihre Anschlussfähigkeit an finanzwirtschaftliche Bewertungslogiken und künftigen Notwendigkeiten und verbessern somit ihre Position im Dialog mit Kreditinstituten. Gleichzeitig zeigt sich, dass freiwillige Berichtsstandards wie der VSME eine essenzielle Brückenfunktion einnehmen können. Sie ermöglichen es insbesondere nicht berichtspflichtigen Organisationen, mit vertretbarem Aufwand eine strukturierte und standardisierte Datenbasis aufzubauen und damit eine gemeinsame „Datensprache“ mit Finanzinstituten zu entwickeln. 

Perspektivisch wird sich die Rolle von ESG-Daten weiter verschieben. Sie werden weniger der retrospektiven Dokumentation und mehr als prospektives Steuerungsinstrument dienen. In Kombination mit digitalen Technologien, standardisierten Schnittstellen und zunehmend quantitativen Bewertungsansätzen entsteht somit die Grundlage für eine integrierte Nachhaltigkeitssteuerung, die finanzielle, ökologische und soziale Dimensionen systematisch miteinander verknüpft.

Vor diesem Hintergrund ist ESG-Berichterstattung nicht als Selbstzweck zu interpretieren, sondern als Teil eines umfassenderen Transformationsprozesses. Entscheidend wird sein, inwieweit es gelingt, Datenqualität, Governance-Strukturen und finanzielle Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Nachhaltigkeit nicht nur messbar, sondern auch wirksam steuerbar und finanzierbar wird. In genau diesem Zusammenspiel liegt letztlich der Schlüssel für eine zukunftsfähige und resiliente Ausrichtung der Gesundheits- und Sozialwirtschaft.

Autor
Autor
Autor
Autor
Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Partner, Niederlassungsleitung Freiburg

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten

phone
mail Pfeil weiß