PEPP-System – alles auf Anfang?

Das Bundesministerium für Gesundheit kündigte am 18. Februar 2016 in einem Eckpunktepapier weitreichende Änderungen für die Vergütung psychiatrischer und psychosomatischer Kliniken an. Das scharf kritisierte PEPP-System steht demnach vor einem deutlichen Wandel. Mit welchen Konsequenzen ist diese tiefgreifende Änderung gerade für die Optionshäuser verbunden? Kehren wir nun zum System der Psychiatrie-Personalverordnung um?

Das pauschalierende Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) ist ein in Deutschland angewandtes Patientenklassifikationssystem, welches auf Grundlage einer tagesbezogenen Kostenkalkulation in einer klinisch relevanten und nachvollziehbaren Weise, Art und Anzahl der behandelten Krankenhausfälle in Bezug zum Ressourcenverbrauch des Krankenhauses setzen soll. Das System verfolgt das Ziel, historisch gewachsene kostenorientierte Budgets durch ein leistungsorientiertes Entgeltsystem zu ersetzen. Dadurch soll u. a. die Transparenz des Leistungsgeschehens in den psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken gesteigert sowie die Vergleichbarkeit der Versorgungsstrukturen gewährleistet werden. Doch die Umsetzung des PEPP-Systems ist in der Fachwelt stark umstritten. In den betroffenen Kliniken wird insbesondere ein möglicher Personalbestandabbau sowie eine unzureichende Refinanzierung der Vorhaltekosten aufgrund der einheitlichen (Landes-)Preise befürchtet.


Vor diesem Hintergrund schlägt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in einem Eckpunktepapier eine Neugestaltung des Systems vor, die weitreichende Konsequenzen für psychiatrische und psychosomatische Kliniken nach sich zieht. Das Fünf-Punkte-Papier soll im Laufe des Jahres gesetzlich verabschiedet werden. Lesen Sie nachfolgend unseren ersten Kommentar dazu.

Ausführliche Pressemitteilung zum Fünf-Punkte-Papier

Punkt 1. „Ausgestaltung als Budgetsystem“

Vorschlag: Abschaffung der bislang vorgesehenen Konvergenz von klinikindividuellen Budgets zu landeseinheitlichen Preisen.

Ziel: Durchsetzung klinikindividueller Strukturen in den Budgetverhandlungen vor Ort.

Unser Kommentar: Die Abschaffung der Konvergenz bedeutet zunächst, dass das Ziel „gleicher Preis für gleiche Leistung“ in dem Sinne, dass alle für eine Leistung die (landes-)gleiche Vergütung erhalten sollen, nicht mehr verfolgt wird. Die Kliniken können wie bisher die klinikindividuellen Budgets mit den Vertragspartnern verhandeln.


Punkt 2. „Krankenhausvergleich als Transparenzinstrument“

Vorschlag: Krankenhausvergleich als erforderliches Instrument zur Herstellung von Transparenz.

Ziel: Annäherung der nicht auf strukturelle Besonderheiten zurückgehenden Preisunterschiede durch Schaffung eines erforderlichen Orientierungsangebots für die Verhandlungspartner. Dadurch wird ein neuer, flexibler Vergütungsgrundsatz postuliert: "Gleiches gleich und Ungleiches ungleich".

Unser Kommentar: Demnach wird die Aufhebung der landeseinheitlichen Preise deutlich revidiert. Wenn die Vertragsparteien in den Verhandlungen vor Ort psychiatrische und psychosomatische Kliniken im Klinikvergleich darstellen sollen, so muss eine einheitlich ermittelte „Vergleichsgröße“ vorliegen. Ein Abweichen von der „Vergleichsgröße“ muss im zweiten Schritt inhaltlich begründet werden, beispielsweise mit strukturellen Besonderheiten, die erlösrelevant sind oder mit nicht-strukturell begründbaren Ursachen, die keine Erlösrelevanz haben. Die Festlegung von Tatbeständen, die sich als strukturell begründet darstellen, wird in dem Papier nicht näher erläutert. Es bleibt abzuwarten, wie der Gesetzgeber die entsprechende Gesetzespassage ausgestalten wird und in welchem Umfang die Vertragsparteien in den Verhandlungen vor Ort strukturelle Ursachen als Grund für höhere Entgelte akzeptieren werden. Eine Erlösrelevanz beispielsweise von Vorhaltekosten aufgrund der Notfallversorgung oder ausgelagerter Stationsbereiche (Satellitenstationen) wäre denkbar.


Punkt 3. „Verbindliche Mindestvorgaben für die Personalausstattung“

Vorschlag: Einführung verbindlicher, auf Leitlinien gestützter Mindestvorgaben für die personelle Ausstattung stationärer Einrichtungen.

Ziel: Flächendeckend ausreichende Personalausstattung. Hierfür wird der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, die Mindestvorgaben in einer „Qualitätsrichtlinie“ festzulegen. Bei der Festlegung soll der G-BA die Anforderungen der Psych-PV zur Orientierung heranziehen und den in den Leitlinien abgebildeten medizinischen Kenntnisstand berücksichtigen.


Unser Kommentar: Eine Mindestvorgabe für die Personalausstattung könnte eine Überarbeitung der Psych-PV unter dem aktuellen medizinischen Kenntnisstand darstellen. Die Fragen nach den zeitlichen Rahmen sowie nach dem konkreten Aufbau bleiben dabei offen. Darüber hinaus bleibt unklar, ob und wenn ja, welche Datenbasis für die Bewertung von Mindestvorgaben für die Personalausstattung notwendig ist. Die daraus resultierenden Konsequenzen für Kliniken, die diese Mindestvorgaben nicht erreichen, wurden zudem nicht definiert. Es ist jedoch denkbar, dass durch eine entsprechende Formulierung im Gesetzesentwurf eine vollständige Finanzierung der „Mindestvorgaben für die Personalausstattung“ sichergestellt wird.

Punkt 4. „Kalkulation bundeseinheitlicher Bewertungsrelationen auf Grundlage empirischer Daten“

Vorschlag: Festhalten an der Kalkulation bundeseinheitlicher Bewertungsrelationen gestützt auf empirische Daten.

Ziel: Sicherstellung von Transparenz und Leistungsgerechtigkeit. Perspektivisch erfolgt die Kalkulation insbesondere auf den vom G-BA festzulegenden Qualitätsvorgaben.

Unser Kommentar: Das Festhalten an der Kalkulation bundeseinheitlicher Bewertungsrelationen könnte im Zusammenhang mit der Erstellung von Klinikvergleichen in den Budgetverhandlungen gesehen werden. Die bundeseinheitlichen Bewertungsrelationen können als „Vergleichsgröße“ für die Messung von Kostenunterschieden fungieren. Bei einer Berücksichtigung der Qualitätsvorgaben könnte zudem die InEK GmbH dazu verpflichtet werden, die Datenbasis ausschließlich aus Kliniken mit einer vollständigen Erfüllung der neuen Mindestvorgaben für die Personalausstattung auszuwählen.


Punkt 5. „Stärkung der sektorenübergreifenden Versorgung“

Vorschlag: Einführung einer komplexen psychiatrischen Akut-Behandlung im häuslichen Umfeld

Ziel: Hometreatment –„komplexe psychiatrisch-psychotherapeutische Akut-Behandlung im häuslichen Umfeld“ soll ermöglicht werden. 

Unser Kommentar: Die Stärkung der sektorenübergreifenden Versorgung ist im Rahmen der Modellvorhaben §64b SGB V in einigen Bundesländern bereits umgesetzt worden. Die Erfahrungen mit den Modellvorhaben waren überwiegend positiv, so dass die Ankündigung zur Ausweitung dieser Behandlungsform im häuslichen Umfeld nicht überrascht. Die genaue Ausgestaltung des Gesetzestextes wird wichtige offene Fragen beispielsweise zu der Ausgestaltung der Vergütung oder dem Umfang der Einführung der Behandlungsform klären. 

Fazit: Das Abrechnungssystem für psychiatrische und psychosomatische Kliniken wird sich in 2016 bei einer entsprechenden Berücksichtigung der Vorschläge deutlich wandeln. Das Festhalten an klinikindividuellen Budgets wird den Kliniken die Möglichkeit geben, strukturelle Unterschiede in den Budgetverhandlungen umzusetzen. Die Neuregelung der Mindestvorgabe für die Personalausstattung kann die Personalsituation der Kliniken nachhaltig verbessern. Eine Datenbasis mit realistischem Personalbestand für die Kalkulation der bundeseinheitlichen Bewertungsrelationen wird zudem angestrebt. Gleichzeitig können die Erkenntnisse aus dem PEPP-System in die Krankenhausvergleiche einfließen, sodass in dem neuen Abrechnungssystem eine gute Transparenz und Leistungsgerechtigkeit geschaffen werden könnte. Perspektivisch ist die Chance zur erneuten Weiterentwicklung der psychiatrischen Entgeltkataloge und eine deutliche Verringerung des Dokumentations-Aufwandes für die Abrechnung von Fällen (OPS-Dokumentation etc.) gegeben. In dem Papier wird nicht beschrieben, wie sich die Abrechnung der psychiatrischen und psychosomatischen Leistungen in Zukunft gestalten wird. Da in den Vorschlägen keine Änderung der PEPP angesprochen ist, kann gefolgert werden, dass auch keine direkte Änderung der Abrechnung der Fälle bzw. Tage geplant ist und damit keine Abkehr von der Abrechnung mit dem PEPP-System vorgenommen wird. Hier gilt es allerdings die genaue gesetzliche Ausgestaltung abzuwarten. Kurzfristig sind Konsequenzen (innerhalb von 2016) für psychiatrische und psychosomatische Kliniken, die bereits auf PEPP umgestellt haben oder die Kostendaten der Kostenträgerrechnung an die InEK GmbH übermitteln werden aus unserer Sicht nicht erkennbar. Langfristig könnten neue Herausforderungen aufgrund der Vorschläge im Eckpunktepapier auf die psychiatrische und psychosomatische Kliniken zukommen.

Kontakt
Ihre Ansprechpartner an unseren Standorten:
Köln
Dipl.-Inf.
Stefan Wich
+49 (0)22038997-512
 
Solidaris Unternehmensberatungs-GmbH
Dipl.-Inf. Stefan  Wich
Schwerpunkte
  • Softwareentwicklung
  • Datenbankentwicklung
  • InEK-Kalkulation, Kostenträgerrechnung
  • Benchmarking
  • Investitionskostenkalkulation
Veröffentlichungen in der Fachpresse
2018
  • Transparenz schaffen und Performance steigern: Health&Care Management, 11/2018, S. 58-59.