Frühzeitige Restrukturierung als Chance: Strategisch neu denken, Teilhabe sichern

Die Sozialwirtschaft steht unter Druck: Gesetzliche Reformen, wirtschaftliche Unsicherheiten und gesellschaftliche Veränderungen fordern Träger und Einrichtungen heraus, ihre Strukturen zu überdenken. Wo viele noch zögern, geht die wertkreis Gütersloh gGmbH energisch voran. Gemeinsam mit der Solidaris Unternehmensberatung hat sie ein umfassendes Restrukturierungskonzept entwickelt. Marcel Waldecker, Leiter unseres Geschäftsfeldes Restrukturierung und Sanierung, sprach mit Geschäftsführer Emilio Bellucci über Beweggründe, Herausforderungen und die Bedeutung von Teilhabe in Zeiten des Wandels.


Herr Bellucci, wie würden Sie Ihr Unternehmen in wenigen Worten beschreiben?

Der wertkreis Gütersloh ist ein vielseitiger sozialwirtschaftlicher Träger mit Angeboten in den Bereichen Arbeit, Bildung, Wohnen und Pflege. Unser Kernauftrag ist es, Menschen mit Behinderung individuelle Teilhabe und größtmögliche Selbstbestimmung zu ermöglichen – mit qualifizierten, zukunftsgerichteten und inklusiven Leistungen. Wir verstehen uns als Ermöglicher, Wegbereiter und Begleiter.
 

Sie haben gemeinsam mit der Solidaris ein Restrukturierungskonzept erarbeitet. Was war für Sie der Auslöser, diesen Weg einzuschlagen?

Wir haben früh erkannt, dass wir angesichts sich wandelnder gesetzlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen strategisch neu aufstellen müssen. Der Druck auf die Träger steigt – finanziell, personell, strukturell. Unsere Antwort darauf war nicht Abwarten, sondern aktives Gestalten. Wir wollten nicht nur reagieren, sondern proaktiv die Zukunft unserer Kernangebote sichern.
 

Welche konkreten Maßnahmen wurden bereits angestoßen?

Wir haben unter anderem unsere Angebotsstruktur überprüft, betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente etabliert und interne Schnittstellen neu definiert. Der nächste Schritt ist die konsolidierte Umsetzung und kontinuierliche Wirksamkeitsüberprüfung. Ein zentraler Baustein ist unsere neue Immobilienstrategie. Wir prüfen derzeit alle Standorte hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit. Dabei gilt: Die Qualität der Angebote darf nicht durch Altlasten gefährdet werden. Parallel arbeiten wir konsequent an einer strategischen Neupositionierung unserer Bereiche Berufliche Bildung, Berufliche Teilhabe, Berufliche Inklusion und Wohnen.
 

Veränderungsprozesse betreffen viele – Klienten, Mitarbeiter, Angehörige. Wie gehen Sie damit um?

Veränderung kann nur im Dialog gelingen. Wir setzen intern auf Formate wie unsere „Chance-Sprechstunden“, in denen ich als Geschäftsführer persönlich ansprechbar bin – für alle Fragen, Sorgen und Ideen. Besonders eng arbeiten wir mit dem Werkstattrat zusammen. Seine Perspektive ist ein unverzichtbarer Kompass im gesamten Veränderungsprozess. Extern sind wir im kontinuierlichen Austausch mit Angehörigen, gesetzlichen Betreuern und Netzwerkpartnern, um Akzeptanz und Vertrauen zu sichern. Transparenz ist dabei unser wichtigstes Werkzeug.
 

Wie gelingt es Ihnen, bei aller betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit den sozialen Auftrag und die Teilhabeorientierung in den Mittelpunkt zu stellen?

Das gelingt uns, indem wir unsere Entscheidungen immer an der Wirkung für die Menschen ausrichten. Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Ermöglichung von Teilhabe. Das gelingt nur mit einer Führungskultur, die konsequent dialogisch und partizipativ arbeitet. Wir fragen uns bei jeder Maßnahme: Was bedeutet das für die Menschen, die unsere Angebote nutzen? Diese Perspektive ist unser Kompass.
 

Wo sehen Sie strukturelle Hindernisse oder vielleicht auch Reformbedarfe in der Finanzierung – gerade im Hinblick auf langfristige Planungssicherheit?

Ein zentrales Problem bleibt die unzureichende Refinanzierung der Werkstätten. Zudem brauchen wir ein faires Entgeltsystem, das Qualität, jahrzehntelange Treue und inklusive Entwicklungsperspektiven für unsere Werkstattbeschäftigten honoriert. Gleichzeitig sind finanzielle Anreize erforderlich, die Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt belohnen, nicht blockieren. Langfristige Planungssicherheit setzt voraus, dass politischer Wille und gesetzlicher Anspruch durch eine belastbare Finanzierung gestützt werden. Hier besteht dringender Reformbedarf.
 

Welche Vorteile hat für Sie die Einbindung eines externen Beratungsunternehmens in einen so komplexen Restrukturierungsprozess gebracht?

Solidaris hat eine Außenperspektive mitgebracht, die professionell, kritisch und lösungsorientiert war. Die Mischung aus betriebswirtschaftlicher Expertise und tiefem Verständnis für die Sozialwirtschaft war für uns enorm hilfreich. Gemeinsam konnten wir interne Erkenntnisse strukturieren, priorisieren und in eine belastbare Strategie überführen. Das hat uns nicht nur Klarheit verschafft, sondern auch für Tempo gesorgt.

 

Herr Bellucci, vielen Dank für das Gespräch!

Autor
Autor

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten

phone
mail Pfeil weiß