Beurteilung von finanziellen Vor- und Nachteilen geplanter Infrastrukturmaßnahmen

Die Erstattung des KZVK-Sanierungsgeldes hat in jüngster Vergangenheit bei konfessionellen Einrichtungen der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege flächendeckend zu einer deutlichen Verbesserung der Liquiditätslage geführt. Dies stellt viele Einrichtungen vor die Frage, wie diese Finanzmittel vor dem Hintergrund des derzeit niedrigen Zinsniveaus für festverzinsliche Anlagen am Kapitalmarkt bestmöglich eingesetzt werden können. Aufgrund eines teilweise hohen Sanierungs- und Investitionsbedarfs kann es in der derzeitigen Situation für einzelne Einrichtungen vorteilhaft erscheinen, unter Verwendung der vorhandenen Finanzmittel Investitionen teilweise aus Eigenmitteln vorzunehmen. Eine solche Investition ist grundsätzlich gerade dann vorteilhaft, wenn die Rentabilität der Investition höher ist als die durchschnittlich zu erwartende Marktverzinsung einer quasi risikolosen Alternativanlage.

Zur Beurteilung der Vorteilhaftigkeit einer geplanten Investition existieren verschiedene Methoden der betriebswirtschaftlichen Investitionsrechnung, die dem Management mittels steuerungsrelevanter Informationen Hilfestellung bieten. Die Investitionsrechnung dient hierbei als Grundlage zur Beurteilung der Vorteilhaftigkeit und der Auswahl geeigneter Investitionsalternativen. Primäres Ziel ist es, die Vorteilhaftigkeit und Wirtschaftlichkeit einer Investitionsmaßnahme insbesondere unter monetären Gesichtspunkten abzuschätzen. Zudem lässt sich mittels Investitionsrechnungen die Liquidität im Hinblick auf eine optimal strukturierte Finanzierung vorausschauend planen und steuern.

In der betriebswirtschaftlichen Theorie wird unter anderem zwischen der statischen und der dynamischen Investitionsrechnung unterschieden. Statische Verfahren wie die Kostenvergleichsrechnung, die Erfolgsvergleichsrechnung, die Rentabilitätsvergleichsrechnung oder die Amortisationsvergleichsrechnung zeichnen sich insbesondere durch ihre einfache Anwendung aus. Es wird lediglich ein bestimmter, repräsentativer Zeitabschnitt der gesamten Nutzungsdauer berücksichtigt und für diesen ein Durchschnittswert berechnet. Dabei werden die exakte Zahlungsstruktur sowie die Zinswirkung und damit der Zeitwert des Geldes vernachlässigt. Aufgrund dessen sind statische Berechnungen für langfristige Betrachtungen nicht optimal und sollten nur für kurzfristige oder überschlägige Betrachtungen verwendet werden.

Der Zeitwert des Geldes findet hingegen bei der dynamischen Investitionsrechnung Berücksichtigung, die im Folgenden aufgrund ihrer konzeptionellen Überlegenheit näher erläutert wird. Als dynamisches Verfahren ist die Kapitalwertmethode am weitesten verbreitet. Hierbei werden Ein- und Auszahlungen im Rahmen einer reinen Cashflow- Betrachtung über den gesamten Nutzungszeitraum einer Investition auf einen Bezugszeitpunkt zum Anfang des Investitionsprojektes abgezinst. Es gilt, einen möglichst realistischen Kalkulationszinssatz zu wählen; der Zins für Geldanlagen am Kapitalmarkt kann hierbei einen Anhaltspunkt für die Festlegung der Höhe eines Vergleichszinssatzes geben. Das Risiko einer Investition, welches regelmäßig größer ist als beispielsweise bei der Anlage liquider Mittel in einer festverzinslichen Anleihe, wird bei der Festlegung des Kalkulationszinssatzes über einen risikoadäquaten Zuschlag auf den Vergleichszinssatz berücksichtigt. Investitionen mit einem Kapitalwert größer Null gelten somit als vorteilhaft. Unter mehreren alternativen Investitionsmöglichkeiten stellt unter monetären Gesichtspunkten diejenige Investitionsmöglichkeit die wirtschaftlichste dar, deren Kapitalwert den höchsten Wert aufweist.

Die Ermittlung eines angemessenen Kalkulationszinssatzes ist insbesondere bei langfristigen Investitionsprojekten von entscheidender Bedeutung für die Abschätzung der richtigen Investitionsalternative. So sagt beispielsweise die Summe der Netto-Cashflows (Einzahlungen abzüglich Auszahlungen) über einen langen Betrachtungszeitraum alleine nichts über die Wirtschaftlichkeit einer Investition aus. Erst die jährliche Abzinsung dieser Netto-Cashflows bringt Klarheit. So kann beispielsweise die Summe der Netto- Cashflows in den ersten Perioden auch aufgrund von zu leistenden Kapitaldiensten zunächst negativ sein und erst im Zeitablauf, insbesondere nach vollständiger Tilgung von Darlehen, positiv werden.

Für ein einfaches Investitionsprojekt genügt in der Regel die Modellierung der Einzahlungen über die Auszahlungen unddie Diskontierung der entsprechenden Netto-Cashflows über den gesamten Betrachtungszeitraums. Zu beachten ist, dass hierbei gegebenenfalls Re-Investitionen nach der Abnutzung einzelner Komponenten sowie die angenommene Veräußerung von Restwerten zum Ende des kalkulierten Betrachtungszeitraums des Investitionsprojektes einzubeziehen sind. Durch eine retrograde Betrachtung der Investitionsrechnung lassen sich die einzubeziehenden Variablen flexibel anpassen und vorausschauend steuern, um zu einem positiven Kapitalbarwert zu gelangen.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Finanzierung von Investitionen zu strukturieren. Hier gilt es zu überlegen, ob eine anfängliche tilgungsfreie Zeit vereinbart wird, um den Cashflow zu entlasten. Zudem kann sich die Wahl der Zinsbindung entscheidend auf den Cashflow auswirken. Bei langfristigen Projekten kann eine zu kurze Zinsbindung zu hohen Belastungen infolge gestiegener Zinsen bei der Anschlussfinanzierung führen. Insofern kann in der aktuellen Situation der Zinsen am Kapitalmarkt eine längere Zinsbindung mit ggf. geringfügigen Zinsaufschlägen sinnvoll sein, um eine langfristig höhere Sicherheit in der Planung der Investition zu gewährleisten. Dies ist insbesondere in Anbetracht der aktuell niedrigen Zinsphase zu berücksichtigen.

Außerdem ist im Rahmen der Finanzierung – neben der Verwendung von Zuschüssen und Fördermitteln – über den Einsatz von Eigen- und Fremdkapital zu entscheiden. Ein höherer Eigenkapitaleinsatz wirkt sich aufgrund des geringeren Kapitaldienstes positiv auf die jährlichen Cashflows und damit auf den Kapitalbarwert des Investitionsprojektes aus. Demgegenüber sinkt jedoch die Rendite des eingesetzten Kapitals (Return on Equity; kurz: ROE). Der optimale Einsatz von Eigen- und Fremdkapital kann den ROE durch einen Hebel-Effekt, den sog. Leverage-Effekt, drastisch erhöhen. Da Fremdkapital aufgrund der vorrangigen Bedienung im Insolvenzfall ein geringeres Risiko aufweist als Eigenkapital und deswegen günstiger ist, wäre ein hoher Einsatz von Fremdkapital optimal. Dem gegenüber steht die finanzielle Stabilität der Unternehmung, die durch ausreichendes Eigenkapital gesichert sein sollte. Für ein Investitionsprojekt ist der Einsatz von Fremdkapital grundsätzlich optimal, solange die jährliche Gesamtkapitalrendite der Investition (Return on Investment; kurz: ROI) höher als der jährlich zu zahlende Zinssatz für das eingesetzte Fremdkapital ist. Insofern zeigt sich auch hier, dass durch eine retrograde Betrachtung der modellierten Investitionsrechnung die Variablen bzw. hier die Finanzierungsstruktur derart angepasst werden können, dass ein positiver Kapitalbarwert unter Berücksichtigung eines zufriedenstellenden ROE erreicht wird.

Bei Großinvestitionen in die Infrastruktur von Einrichtungen der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege empfiehlt sich eine entsprechende Investitionsrechnung auch im Rahmen einer integrierten Planungsrechnung über den gesamten Betrachtungszeitraum, welche die Bestandteile Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Liquiditätsplanung umfasst. Die Liquiditätsplanung ist dabei zentraler Bestandteil und orientiert sich an der Kapitalflussrechnung nach DRS 21.

Anders als bei den oben beschriebenen langfristigen Investitionsprojekten erfolgt bei einer mittelfristigen Planungsrechnung beispielsweise im Krankenhausbereich keine Abzinsung der Cashflows. Entscheidungsrelevant für das jeweilige Investitionsprojekt ist hier im Wesentlichen der Bestand der liquiden Mittel nach Tilgung möglicher Darlehen zum Ende des Planungszeitraums, der mit einer entsprechenden Alternativanlage verglichen werden kann.

Praxis-Hinweis
Vor dem Hintergrund der derzeitigen Situation kann eine Investition in Infrastrukturmaßnahmen für Einrichtungen der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege durchaus als sinnvoll erachtet werden. Hierbei ist je nach Investitionsprojekt eine Investitionsrechnung entweder als Kapitalbarwertmethode im Rahmen der dynamischen Investitionsrechnung oder eine integrierte Finanzplanung zu empfehlen, um mittels einer retrograden Betrachtung zu einer optimalen Investitionsentscheidung zu gelangen. Gerne unterstützen wir Sie bei der Modellierung einer Investitions- bzw. integrierten Planungsrechnung oder führen eine Plausibilisierung derselben durch. Sprechen Sie uns an!

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